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Lübeck:

SHMF: Gäste aus Bayern und eine finnische Dirigentin

Konzerte großer Orchester sind beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) schnell ausverkauft. So auch beim Gastspiel des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks am Samstagabend in der MuK. Da Chefdirigent Mariss Jansons (76) auf Anraten seiner Ärzte alle Verpflichtungen von Juni bis August abgesagt hat, sprang die finnische Dirigentin Susanna Mälkki (50) ein. Sie und das Orchester wurden am Schluss des Abends stürmisch gefeiert.

Festivalintendant Dr. Christian Kuhnt erinnerte in seiner Begrüßung daran, dass dieses große und großartige Orchester nicht zum ersten Mal beim SHMF zu Gast ist. In der allerersten Saison des SHMF 1986 bescherten die Musiker aus Bayern unter Leitung von Leonard Bernstein in der damaligen Kieler Ostseehalle einen frühen Höhepunkt des Musiksommers. Fast 7.000 Besucher erlebten eine Aufführung von Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung".

Gern wird erzählt, dies sei die Eröffnung des ersten SHMF gewesen. Das stimmt nicht ganz. Eröffnet wurde das Festival drei Tage zuvor im Lübecker Dom. Chor und Orchester der Ludwigsburger Festspiele unter Wolfgang Gönnenwein boten am 29. Juni 1986 Mozarts c-Moll-Messe (KV 427). Das Großereignis in Kiel fand am 2. Juli statt. Nur zwei Herren "von damals" saßen jetzt noch im Orchester; die meisten genießen den Ruhestand.

Beethovens zweite Sinfonie und die Fünfte von Schostakowitsch bildeten das Programm in der MuK. Zwei Werke, die für ihre Komponisten besondere Bedeutung hatten. Beethoven, der die Uraufführung seiner D-Dur-Sinfonie op. 36 anno 1803 selber leitete, schockte das Publikum. Er wollte nicht, wie bekannte Vorgänger, den Adel freundlich unterhalten. Er wollte die Musik demokratisieren, schrieb zukunftsweisend für ein größeres Publikum. Das wurde auch von der Kritik zunächst abgelehnt.

Dirigentin Susanna Mälkki, gertenschlank und jugendlich wirkend, machte das mit dem Orchester deutlich. Die lange Einleitung des ersten Satzes kam elegant, fast noch in Mozartnähe daher. Sehr bald aber zog Mälkki das Tempo an. Schlichte Melodien wurden immer wieder vom ruppigen Tuttiklang unterbrochen. Auch im langsamen Satz kam das zur Geltung, schon durch die häufigen Wechsel von Piano- und Fortestellen. In schnellstem Tempo dirigierte Susanna Mälkki den Schlusssatz. Großer Beifall schon vor der Pause.

Gespannt durfte man auf die 134 Jahre jüngere fünfte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch sein. Vorausgegangen war heftige Kritik des Regimes, zum Beispiel an seiner Vierten, die er nach einer Warnung in der Prawda und der Deportation seiner Schwester zurückzog, um sich mit einem neuen Werk wieder "beliebt" zu machen. Noch in der DDR wurde die neue, die fünfte Sinfonie als "Verwandlung des menschlichen Bewusstseins zur sozialistischen Persönlichkeit mit klarer Weltsicht" gedeutet.

Wer bei der Fünften genau hinhört, merkt die unterschwellige Kritik des Komponisten in jedem der vier Sätze. Die harten Dissonanzen waren mit dem Orchester deutlich herausgearbeitet. Den zweite Satz (Allegretto) kann man als kraftvolles Volksfest deuten. Immer wieder aber ließ Frau Mälkki das Blech oder die große Pauke dazwischenfahren.

Auch bei Schostakowitsch nahm sie den Schlusssatz fast atemberaubend schnell, ließ die Instrumente aufschreien, um Protest zu betonen. Dieses Tempo hält nur ein Spitzenorchester durch. Triumphmarsch oder Trauermarsch – das blieb zum Schluss die Frage. Susanna Mälkki dirigierte klar, mit deutlicher Zeichengebung, ließ an ihren Absichten keinen Zweifel. Für den Jubel des Publikums gab es noch eine kleine Orchesterzugabe.

Susanna Mälkki sprang für den erkrankten Chefdirigenten ein. Foto: SHMF/Simon Fowler

Susanna Mälkki sprang für den erkrankten Chefdirigenten ein. Foto: SHMF/Simon Fowler

Autor: TD

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