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Lübeck:

Prozess Detlef H.: Staatsanwaltschaft wollte Einstellung

Großes Rätselraten zu Beginn des 5. Prozesstages gegen Detlef H, den ehemaligen Leiter des Weißen Rings in Lübeck, dem eine exhibitionistische Handlung vorgeworfen wird. In einem längeren Rechtsgespräch unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat die Staatsanwaltschaft die Einstellung des Verfahrens angestrebt.

Erst langsam sickerte bei den Beobachtern durch, dass eine solche Einstellung nur gegen eine Zahlungsauflage wirksam werden würde. "Davon habe ich meinem Mandanten strikt abgeraten", sagte ein sichtlich erregter Verteidiger Oliver Dedow. Er wäre dann zwar nicht schuldig, aber die Schlagzeilen würden lauten: Detlef H. muss zahlen. "Das kann ich ihm nicht zumuten wenn er unschuldig ist."

So wird sich das Verfahren weiter hinziehen, und ein Ende ist schwer abzusehen. Nach bisheriger Planung des Gerichtes wird es vier weitere Verhandlungstage geben, so dass nach heutigem Stand am 9. September mit den nichtöffentlichen Plädoyers und einem Urteil zu rechnen ist. Egal wie das ausfällt, mit Revisionsverfahren, Berufungsverfahren und weiteren Rechtsmitteln ist zu rechnen. Im Laufe dieser Verfahren könnte die jetzt bereits zäh verlaufende Beweisaufnahme erneut vollständig wiederholt werden. Es kann also noch dauern.

Am Montag durften alle zunächst einmal fernsehen. Etwa zwei Jahre nach dem mutmaßlichen Vorfall der Entblößung im Lübecker Gewerkschaftshaus wurde die Zeugin und Nebenklägerin Dora M. in Kiel vor Videokameras vernommen. Beide Vernehmungsbeamtinnen haben darüber auch bereits im laufenden Verfahren ausgesagt und die Verschriftlichung der Vernehmung liegt bei den Gerichtsakten. Über den Inhalt der Aussage wurde daher bereits berichtet. Staatsanwaltschaft und Nebenklage wollten allerdings, dass die anwesende Sachverständige Gabriele Teichert noch einmal eine persönliche Wahrnehmung von der Zeugin bei ihrer Aussage erhält. Anschließend trat Teichert in den Zeugenstand und wurde befragt, ob sich ihre gutachterliche Einschätzung durch die Video-Präsentation geändert hätte. Das wurde von der Gutachterin deutlich verneint. Sie fügte sogar noch an, dass sie Wahrnehmungen hatte, dass in dem Zeitraum zwischen mutmaßlicher Tat und Videoaufzeichnung Gespräche mit Hinblick auf Aussagevorbereitung mit großer Wahrscheinlichkeit stattgefunden haben sollten.

Anschließend sollten zwei Zeugen vernommen werden. Bereits zum zweiten Mal fiel dann aber eine Zeugin der Staatsanwaltschaft aus. Sie stand auf dem Verhandlungsplan, hat aber vor wenigen Tagen per Attest ihre Verhandlungsunfähigkeit erklären lassen.

Von daher war Georg H., Leiter des Forderungsmanagement der Lübecker Stadtwerke, der einzige Zeuge des fünften Verhandlungstages. Und erneut ging es um die Glaubwürdigkeit der Zeugin Dora M. Der Stadtwerke Mitarbeiter schilderte im Einzelnen, wie er von der Zeugin in einen regelrechten Justiz-Orkus hineingezogen wurde. Es fing an mit ausbleibenden Zahlungen für Versorgungsleistungen der Stadtwerke. Daraufhin gab es Gespräche mit wechselnden Teilnehmern. Das Jugendamt, das Amt für soziale Sicherung, der Aufsichtsrat der Stadtwerke, die Bürgerschaft und sogar der wahlkämpfende und dann spätere Bürgermeister waren involviert. Selbst die Fernsehsendung Monitor soll den Fall gesichtet, dann aber lieber doch nicht angefasst haben.

Freimütig erklärte Georg H., der von Dora M. auch noch verklagt wurde, dass er am Ende heilfroh war, nicht noch gegen erfundene Anschuldigungen in diesem Zusammenhang angehen zu müssen. Bei den Stadtwerken gilt seitdem das 4-Augen Prinzip bei kritischen Gesprächen. Per Telefon wird - nach entsprechendem Hinweis an den Anrufer - ein Mitarbeiter als passiver Zuhörer und Zeuge hinzugezogen. Im Übrigen wurden mittlerweile die Verfahren gegen die Stadtwerke und gegen Georg H. nach § 154 und § 170 eingestellt.

Die Vorsitzende Richterin Andrea Schulz sieht das Prozessgeschehen von der Sache her im Wesentlichen ausgeschöpft. Es fällt auch schon einmal der Begriff "Prozessökonomie". Trotzdem werden weitere Zeugen der Staatsanwaltschaft in den Prozess eingeführt. Am 29. August sollen vier Zeuginnen vernommen werden, am 30. August zwei weitere, von denen eine Frau eine weitere Zeugin der Verteidigung sein wird. Dabei geht es weiterhin, wie seit dem zweiten Prozesstag, um die Glaubwürdigkeit von Detlef H. und von Dora M. Was geschah wirklich am 12. April 2016 in den Abendstunden im Lübecker Gewerkschaftshaus? Immer noch steht hier Aussage gegen Aussage.

Im O-Ton unterhalb des Bildes hören Sie ein Interview von Harald Denckmann mit dem Strafverteidiger Oliver Dedow.

Detlef H. und sein Anwalt Oliver Dedow lehnten eine Einstellung des Verfahrens ab. Foto/O-Ton: Harald Denckmann

Detlef H. und sein Anwalt Oliver Dedow lehnten eine Einstellung des Verfahrens ab. Foto/O-Ton: Harald Denckmann

Hier hören Sie den Originalton:

Autor: Harald Denckmann

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